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Der Terrorismus und die Entstehung Israels

Von Jean Shaoul
 

Im vergangenen Monat veröffentlichten die Nationalen Archive Großbritanniens, früher "Public Record Office" (Amt für Öffentliche Daten), Akten des britischen Geheimdienstes MI5, denen zufolge zionistische Terrorgruppen geplant hatten, Zellen in London aufzubauen und den Außenminister der britischen Nachkriegs-Labourregierung, Ernest Bevin, zu ermorden.

Ein Memorandum des MI5 von 1946 mit dem Titel "Aktuelle Trends in Palästina" berichtete über die Aktivitäten der Stern-Bande. Diese terroristische Gruppe hatte 1944 Lord Moyne, den britischen Militär- gouverneur in Ägypten, ermordet.

"In den letzten Monaten wurde berichtet, dass sie [die Stern-Gruppe] ausgewählte Mitglieder ausbildete, um in einem Auslandseinsatz eine prominente britische Persönlichkeit zu ermorden; dabei wurde mehrmals in diesem Zusammenhang Bezug auf Mr. Bevin genommen", hieß es in dem Dokument.

Einer der führenden Köpfe der Stern-Gruppe, die sich später Lehi nannte, war Itzak Schamir, der 1983 Premierminister wurde und das höchste Amt Israels nach Ben Gurion am zweitlängsten innehatte.

Ein anderes Dossier mit dem Titel "Angedrohte jüdische Aktivitäten im Vereinigten Königreich, Palästina und anderen Regionen", das als Vorlage für Premierminister Clement Attlee erstellt worden war, behandelte die Aktivitäten der Irgun.

Es stellte fest, dass die Irgun unter Führung von Menachem Begin - der 1977 Premierminister von Israel wurde und auf den damals ein Kopfgeld von 2.000 Pfund ausgesetzt war - "in der Vergangenheit für die Liquidierung von Polizeikräften und Soldaten, deren Maßnahmen den Zorn der Juden in Palästina besonders provoziert hatten, verantwortlich war."

Das Dossier wurde einen Monat nach dem Bombenattentat auf das britische Hauptquartier im König-David-Hotel in Jerusalem erstellt. 91 Menschen - Briten, Araber und Juden - wurden damals getötet und noch viele mehr verletzt.

Weiter stand darin: "Unser Vertreter in Jerusalem hat seitdem Informationen darüber bekommen, dass Irgun und die Stern-Gruppe beschlossen haben, fünf 'Zellen' nach London zu schicken, um nach dem Vorbild der IRA [Irisch Republikanische Armee] vorzugehen. Um ihre eigenen Worte zu benutzen, haben die Terroristen vor, 'den Hund in seiner eigenen Hütte' zu schlagen. Falls die achtzehn Stern-Mitglieder [wegen ihrer Beteiligung am Attentat auf das King- David-Hotel im Juli 1946] exekutiert werden, ist Irgun bereit, mit der Stern-Gruppe zu kooperieren."

Der Geheimdienst war der Meinung, dass es für den Fall, dass die Exekutionen tatsächlich durchgeführt würden, zu mindestens hundert terroristischen Racheakten kommen könne, und dass "damit zu rechnen ist, dass wahllos auf britische Offiziere und Soldaten auf den Straßen Palästinas geschossen werde". In den Akten steht auch, dass die Strafen tatsächlich in lebenslängliche Haft umgewandelt wurden.

Eine Gesprächsnotiz, die für ein Treffen des Premierministers mit dem Leiter von MI5, Peter Sillitoe, vorbereitet worden war, listete auch mögliche Maßnahmen zum Schutz vor Terrorakten auf. Die Polizei werde jüdische Gruppen in Großbritannien observieren und "jüdische Gruppen, die bekanntermaßen mit terroristischen Aktivitäten in Palästina sympathisieren und die Anlaufpunkte für in das Land einwandernde Terroristen bilden könnten", ausspähen. "Alle im Nahen Osten gestellten Anträge für ein Visum für Großbritannien werden von lokalen Sicherheitsbehörden genau geprüft. Beamte der Einwanderungsbehörde im Vereinigten Königreich erstatten einer Spezialabteilung des Innenministerium und dem MI5 Bericht über die besonderen Charakteristika aller aus dem Nahen Osten kommenden Juden, einschließlich der Matrosen."

Die Tatsache, dass der MI5 eine genaue Observierung der britischen, terrorismusfreundlichen zionistischen Gruppen "durch ihre eigenen Quellen" versprach, lässt vermuten, dass sie Informanten hatten, die als V-Leute für sie arbeiteten. Angenommen, die Briten hatten nach dem "Teile-und-herrsche-Prinzip" die Absicht, derartige Gruppen für ihre eigenen Zwecke einzusetzen, liegt es nicht außer- halb des Möglichen, dass Agents provocateurs für den MI5 arbeiteten.

Obwohl seit langem bekannt ist, dass diese zionistischen Gruppen Morde begingen oder Morde, Bombenattentate oder Sabotageakte gegen britische Ziele planten, sind diese Dokumente - die viel später als nach der üblichen 30-Jahre Regelung freigegeben wurden - aus einer Reihe von Gründen bedeutsam.

Erstens sind diese Schriftstücke eine bleibende Erinnerung daran, dass die Zionisten jeglicher Couleur zur Bildung des Staates Israel terroristische Methoden einsetzten - was die heutigen Zionisten vergessen zu haben scheinen, wenn sie sich weigern mit den Palästinensern, die sie üblicherweise als "Terroristen" bezeichnen, zu verhandeln.

Es ist nicht einfach nur so, dass Ariel Scharon und sein Gruppe ein Haufen von Heuchlern sind oder hinsichtlich ihre politischen Vergangenheit unter Amnesie leiden. Wichtiger ist, dass die von Menachem Begin geführte Irgun, die Stern-Gruppe und Lehi, ihr Nachfolger, später die Herut Partei, die Vorgängerin der Likud Partei, aufbauten sowie die ultrarechte Moledet Partei, die heute der wichtigste Koalitionspartner der Scharon-Regierung ist. Die Bande aus ehemaligen Generälen, Ultranationalisten und religiösen Eiferern, die Israel heute führt, ist die politische Erbin von Terroristen, die darüber hinaus auch noch enge Beziehungen mit den Faschisten pflegten. Dabei ähnelten sie auch einigen arabischen Nationalisten in Palästina, in Ägypten und im Irak, die sich mit Deutschland verbanden, um den britischen Imperialismus loszuwerden. Diese Bündnisse führten während des zweiten Weltkriegs zu einem veritablen Bürgerkrieg zwischen den verschiedenen Flügeln der zionistischen Bewegung.

Der politische Ursprung der zionistischen Terrorgruppen

Die verschiedenen zionistischen Terrorgruppen entstanden aus dem äußersten rechten Flügel der revisionistischen Zionistenbewegung, einer ultra-nationalistischen Zionistengruppe. Während alle zio- nistischen Gruppen versuchten, die steigende Flut des Klassenkampfs in Palästina im Namen der nationalen Einheit zu ersticken, erklärten die Revisionisten schon ganz am Anfang des palästinensisch-zio- nistischen Konflikts offen und im Gegensatz zum Haupttrend der zionistischen Bewegung, dass der Aufbau eines zionistischen Staates in Palästina ohne Gewalt und erzwungene Umsiedlung der hier an- sässigen Bevölkerung unmöglich sein werde. Der zionistische Staat könne nur "mit Blut und Feuer" errichtet werden. Sie bekämpften 1922 die Aufteilung Palästinas, als England seinem Verbündeten, dem Haschemiten Emir Abdullah, zum Dank für seine Unterstützung im ersten Weltkrieg das heutige Jordanien überließ. Während die Labour-Zionisten sich an den westlichen Demokratien orientierten, hatten die politischen Ideologen der Revisionisten mehr mit den faschistischen Diktatoren in Europa gemein.

In den späten dreißiger Jahren begannen die Briten, die unter dem Mandat des Völkerbunds Palästina regierten, ihre frühere und eher vage Unterstützung für den Aufbau eines "Heimatlandes für die Juden" in Palästina in Frage zu stellen. Menachem Begin, ein führendes Mitglied der Betar, einer weit rechts stehenden Revisionistengruppe, betrachtete militärische Aktionen gegen die Briten als unvermeidlich und notwendig, um einen jüdischen Staat in Palästina und am Ostufer des Jordans zu ermöglichen.

Als die Situation in Osteuropa für die Juden immer verzweifelter wurde und die Briten sich bemühten, die jüdische Einwanderung in Palästina einzudämmen, weil sie die Unterstützung der Araber im kommenden Krieg gegen Deutschland gewinnen wollten, verbündete sich Betar mit Irgun, der nationalen bewaffneten Organisation und Militärflügel der Revisionisten. Ohne Aussicht auf einen baldigen jüdischen Staat traten sie für den bewaffneten Kampf gegen die Briten als einzigen Weg vorwärts ein.

Die Stern-Gruppe

1939, als zwischen Großbritannien und Deutschland der Krieg ausbrach, verweigerte Abraham Stern, einer der Irgun-Führer, der in Italien studiert hatte und ein Bewunderer Mussolinis war, den Briten jede Unterstützung gegen Deutschland. Er vertrat die Ansicht, die Briten seien der Hauptfeind. Es bestehe kein Unterschied zwischen den nazi-faschistischen Staaten und den westlichen Demokratien, zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten, zwischen Hitler und Chamberlain, oder zwischen dem Einsperren der Juden in Dachau und Buchenwald oder ihrem Aussperren aus Palästina. Als er die Irgun-Mehrheit nicht auf seine Seite gewinnen konnte, brach er mit der Bewegung der Revisionisten, und seine Fraktion wurde als Stern-Gruppe bekannt.

Während sowohl die Haupttendenz der Zionisten wie auch die Revisionisten die Engländer gegen Deutschland unterstützten und in die britische Armee eintraten, lehnte die Stern-Gruppe die Aushebung von Juden ab und setzte bewaffnete Raubüberfälle, Morde und Terroranschläge gegen Briten und Araber fort. Sie führte eine Terrorkampagne, die darauf abzielte, die Briten aus dem Land zu vertreiben und im ganzen biblischen Palästina, inklusive Transjordanien, einen Judenstaat zu errichten. Da die Juden in Palästina die Minderheit waren, konnte ein solcher Staat nur die Vertreibung der arabischen Bevölkerung bedeuten, um seinen jüdischen Charakter zu wahren.

In seiner Unterstützung für den Feind der Briten verschloss Stern die Augen vor dem Antisemitismus der Nazis. Die Politik der Stern- Gruppe und ihre Aktionen wurden von der überwältigenden Mehrheit der Juden in Palästina abgelehnt und verurteilt.

Als Gegenleistung für die Unterstützung zuerst Italiens und später Deutschlands bei der Vertreibung der Briten aus Palästina versprach Stern, der neue jüdische Staat werde zu einem Ableger des deutschen Staats werden, wobei Jerusalem, mit Ausnahme der jüdischen Heiligtümer, zu einer Provinz des Vatikans werden könne. Anders ausgedrückt bedeutete dies, der Errichtung eines Judenstaats sogar Vorrang vor der Sicherheit der europäischen Juden einzuräumen. Seine Gruppe traf sich mit Vertretern des Nazi-Regimes und versuchte, 40.000 Juden aus dem besetzten Europa zu rekrutieren, die in Palästina einwandern und die Briten vertreiben sollten. Aber die Deutschen hatten ebenso wenig Lust wie die Briten, die Araber vor den Kopf zu stoßen und eine Gelegenheit zu versäumen, Zugang zu den Ölressourcen zu erhalten, und schlugen das Angebot aus.

Die Briten erschossen Stern im Februar 1942 und warfen seine engsten Anhänger ins Gefängnis, darunter auch Itzak Schamir, den späteren Ministerpräsidenten.

Die Lehi

Kurz vor Kriegsende gaben sich die Stern-Anhänger, unter ihnen auch Schamir, der aus dem Gefängnis entlassen wurde, den neuen Namen Lehi. Sie verfolgten nach wie vor vergleichbare Ziele und bekannten sich weiterhin zu Sterns "Achtzehn Prinzipien der nationalen Erneuerung", die einen jüdischen Staat vom Nil bis zum Euphrat proklamierten. In ihrem Kampf gegen die Briten bekannten sie sich zu den Methoden der IRA. Schamir wählte als nom de guerre sogar den Namen Michael, nach [dem IRA-Führer] Michael Collins. Die jetzt eher peinliche Verbindung zu den Nazi-Faschisten wurde fallengelassen, und stattdessen wurden Beziehungen zu Großbritanniens jüngstem Feind, der Sowjetunion, angeknüpft, obwohl einige von ihnen lieber eine Allianz mit den arabischen nationalen Befreiungsbewegungen gesehen hätten, die gegen ihre Marionettenregierungen von Gnaden des britischen Imperialismus kämpften.

Lehi verurteilte die Labour-Zionisten und die Haupttendenz der Revisionisten-Bewegung, die auf Verhandlungen mit den Briten setzten. Was Lehi betraf, so setzten sie die Briten gleich der Gestapo gleich, die Labour-Zionisten mit Vichy-Frankreich, und Lehi selbst betrachtete sich dabei als die Resistance. Auf die Frage, ob es möglich sei, nationale Befreiung durch Terrorismus zu erreichen, lautete Lehis Antwort: "Die Antwort ist: Nein! Wenn die Frage lautet, sind terroristische Aktivitäten für den Fortschritt der Revolution und der Befreiung nützlich, dann ist die Antwort: Ja."

Lehis berüchtigtste Tat war 1944 die Ermordung von Lord Moyne, dem britischen Militärkommandanten in Ägypten.

Colin Shindler, ein Experte für israelische Studien an der Schule für orientalische und afrikanische Studien der Universität von London und Autor von "The Land Beyond Promise: Israel, Likud and the Zionist Dream", erklärte, Lehi imitiere die Methoden der IRA. Von September 1942 bis Juli 1946, als Schamir verhaftet und nach Eritrea ausgewiesen war, gab es sieben versuchte Mordanschläge auf das Leben des britischen Hochkommissars in Palästina, und es waren noch einige weitere geplant, zum Beispiel gegen Ernest Bevin, den britischen Außenminister, und gegen Mitglieder des britischen Geheim- dienstes. Schamir plante den Mord an Lord Moyne. Außerdem unternahm Lehi vierzehn Mordversuche gegen Juden, die angeblich oder tat- sächlich für den britischen Geheimdienst arbeiteten. Lehi war nicht abgeneigt, wenn nötig auch ihre eigenen Mitglieder umzubringen.

Obwohl Lehi bei weitem die kleinste der zionistischen Terrorgruppen war, war die Stern/Lehi-Gruppe für 71 Prozent aller politischen Morde von 1940 bis 1948 verantwortlich. Fast die Hälfte davon richtete sich gegen Juden.

Sogar nach der Gründung des zionistischen Staates setzte Lehi ihre mörderischen Aktivitäten fort. Hazit Ha'Moledet, die Vaterländische Front, eine Splittergruppe, die sich von Lehi abspaltete und die später die Moledet-Partei gründen sollte, führte das Attentat auf Graf Folke Bernadotte aus, einen UN-Gesandten, der versucht hatte, ein Friedensabkommen zwischen Israel und den Arabern zu erreichen.

Die Irgun

Im Gegensatz zur Stern/Lehi-Gruppe nahm Irgun den bewaffneten Kampf gegen die Briten erst auf, als die Niederlage Deutschlands bevorstand. Ende 1942 kam Menachem Begin nach Palästina, nachdem er aus einem sowjetischen Arbeitslager in Polen freigekommen war. Er übernahm den Posten des Militärkommandeurs der Irgun und führte den bewaffneten Kampf - die Revolte - um die Briten loszuwerden.

Aber die Aktivitäten der Irgun hatten nichts mit einem revoluti- onären Kampf zu tun, um den Imperialismus in der Region zu stürzen. Sie richteten sich ebenso stark gegen die Araber. In einer ihrer Broschüren hieß es: "Wir müssen die Araber bekämpfen, um sie zu unterjochen und ihren Forderungen die Kraft zu nehmen. Wir müssen sie als politischen Faktor vom Schauplatz entfernen. Dieser Kampf gegen die Araber wird die Diaspora ermutigen und bestärken. Er wird die Aufmerksamkeit der Nationen der Welt auf uns richten, und sie werden gezwungen sein, das Volk zu ehren, das mit Waffen kämpft. Und ein Verbündeter wird sich finden, der die Armee des Volkes in ihrem Kampf unterstützen wird."

Anders als die Stern-Gruppe und Lehi wies Begin die Bezeichnung "Terrorismus" stets zurück und behauptete, die Irgun sei eine Armee, die Krieg gegen eine andere Armee führe. Die Irgun wandte jedoch die gleichen Methoden wie jene zwei Terrorgruppen an, und ihre berüchtigtste Tat gegen die Briten war im Juli 1946 der Bomben- anschlag auf das King-David-Hotel, das britische Hauptquartier in Jerusalem.

Lehis Mordanschlag von 1944 auf Lord Moyne - einen engen Freund Churchills, mit dem Weizman und Ben Gurion, die Führer der Labour- Zionisten, gute Beziehungen pflegten - führte zum gewaltsamen Vorgehen dieser beiden gegen Lehi und Irgun. "Jede organisierte Gruppe muss sie ausspucken..., Zuflucht und Schutz muss diesen wilden Männern strikt verweigert werden... In unsere Herzen - nicht in die Herzen Englands - ist das terroristische Eisen einge- drungen. Also müssen unsere Hände, keine anderen, es herausreißen." [Zitiert nach Colin Shindler, "The Land Beyond Promise: Israel, Likud and the Zionist Dream".]

Die zionistischen Parteien vereinigen sich

Als im Juli 1945 die Labourregierung gewählt wurde, deren Premier- minister, Clement Attlee, darauf bedacht war, die Kontrolle über die Ölressourcen im Nahen Osten zu behalten, kam es zu einer Versöhnung zwischen den Labour-Zionisten und den terroristischen Gruppen.

Diese rivalisierenden Gruppen hatten sich jahrelang aufs Erbittertste politisch bekämpft. Nicht einmal während des Aufstands im Warschauer Ghetto 1943 hatten sie gemeinsam gekämpft. Was sie nun zusammen- brachte, war erstens die veränderte Haltung des britischen Labour- Außenministers Ernest Bevin, der vorher die Gründung eines jüdischen Staates unterstützt hatte. Jetzt wies er die Vorstellung zweier Staaten - einen für Juden und einen für Araber - zurück und befürwortete stattdessen ein arabisches Marionettenregime nach dem gleichen Muster, wie es in Transjordanien, Ägypten und dem Irak aufgebaut worden war, in dem Juden Minderheitsrechte erhalten sollten.

Zweitens lehnte die Labour-Regierung aus ähnlichen Gründen auch die jüdische Einwanderung nach Palästina ab. Unter Bedingungen, wo weder Großbritannien noch die USA bereit waren, den Hunderttausenden Holocaust-Überlebenden ihre Tore zu öffnen, hätten die Juden in den DP-Lagern [für displaced persons, d. h. die von den Nazis Verschleppten] und in den Ländern ihrer Verfolgung bleiben müssen.

Im November 1945 unterzeichneten die Hagana (der militärische Flügel der Labour-Zionisten und bei weitem die größte der drei bewaffneten Gruppen), Irgun und Lehi ein Abkommen zur Gründung der Vereinigten Widerstandsbewegung, um die Briten aus Palästina zu vertreiben. Dies sollte weniger als ein Jahr halten - bis zum Bombenattentat auf das King-David-Hotel, als Ben Gurion die Vereinbarung für beendet erklärte und die Irgun als "Feind des jüdischen Volkes" bezeichnete. Doch trotzdem nahm das Ausmaß der Terroranschläge noch um das Zehnfache zu.

Als sich England mit wachsender Feindschaft und Widerstand in Palästina und der Ablehnung sowohl vonseiten der Araber als auch der Juden konfrontiert sah, brachte es den Konflikt vor die Vereinten Nationen, in der sicheren Erwartung, die UN werde schon Großbritannien selbst damit betrauen, in Palästina für Ordnung zu sorgen. Aber die Hoffnungen Englands, den Konflikt in Palästina nach seinen Wünschen lösen zu können, wurden enttäuscht. Die Großmächte, darunter die USA und die Sowjetunion, hatten ihre eigenen Gründe, die Errichtung eines jüdischen Staates aktiv zu unterstützen: Sie sahen darin einen Weg, Großbritanniens Position im Nahen Osten zu schwächen. Dies und die weltweite Sympathie, die durch die von den europäischen Juden erlittene Katastrophe hervorgerufen wurde, führte im November 1947 dazu, dass die UN eine Teilung Palästinas beschloss. Im Mai 1948 zogen sich die Briten aus Palästina zurück, und sofort riefen die Zionisten die Unabhängigkeit und den Staat Israel aus. Zwischen Israel und den Palästinensern, die unter der Führung arabischer Feudalherren standen, brach Krieg um die Kontrolle über das Land aus.

Die Gruppen der Revisionisten nutzten die Ausbildung und die Methoden, das sie gegen die Briten erworben und angewandt hatten, um nun die Palästinenser zu terrorisieren und einzuschüchtern. Die terroristischen Praktiken, die von Irgun und Lehi angewandt und von den Labour-Zionisten gebilligt wurden, sollten eine wichtige Rolle bei der Vertreibung der Palästinenser aus ihrer Heimat spielen. Das Massaker von Deir Jassin, bei dem über 200 Männer, Frauen und Kinder abgeschlachtet wurden, ist nur das bekannteste Beispiel. Ben Gurion selbst ermutigte die Hagana, die zum großen Teil unter der Kontrolle der Histadrut/Mapai- Partei stand und Vorläufer der israelischen Armee war, die Palästinenser aus ihren Häusern zu verjagen. Die Vertreibung der Palästinenser, die zu einem Flüchtlingsdasein in den Nach- barländern verurteilt und in die ganze Welt verstreut wurden, und die Beschlagnahmung ihres Landes waren die wesentlichen Vorbereitungen für die Gründung des Staates Israel.

Von terroristischen Untergrundgruppen zum politischen Mainstream

Sofort nach Kriegsende wandelte der Irgun-Führer, Menachem Begin, die Irgun als Alternative zu den offiziellen Revisionisten in die politische Partei Herut um. Begin war vehementer Gegner jeglicher Zugeständnisse an die Araber und weigerte sich, ein Abkommen mit Abdullah zu akzeptieren, das die Westbank in dessen Königreich Transjordanien, neuerdings Jordanien genannt, integrierte. Begin glorifizierte den Untergrundterrorismus der Irgun und ihre Rolle bei der Vertreibung der Briten. Seine aufpeitschende Sprache und der ganze Stil erinnerten deutlich an das nationalistische Pathos, wie man es von Osteuropa kannte, und an Pilsudskis militärischen Nationalismus im Polen der dreißiger Jahre.

Er war der Eroberung Palästinas verpflichtet und denunzierte all jene, die gegen eine solche Perspektive eintraten, als Feinde des jüdischen Volkes, und dasselbe tat die ganze Herut-Partei. Weil kurz zuvor die Labour-Zionisten die Altalena, ein Waffenschiff der Irgun versenkt hatten, wobei mehrere Mitglieder der Irgun ertranken, war diese Rhetorik praktisch eine Bürgerkriegserklärung an Ben Gurion. Nicht wenige dachten, Herut bereite einen Putsch vor.

In den ersten Wahlen, als fast alle politischen Parteien sich in irgend einer Weise auf den Sozialismus beriefen, war Begins Herut-Partei die größte nicht-sozialistische Partei; sie gewann elf Prozent der Stimmen und 14 von 120 Sitzen in der Knesset. Die offiziellen Revisionisten gewannen überhaupt keine Sitze. Begin hängte sich nun den Mantel der Revisionisten um und wurde zum Führer der rechten Opposition gegen den Labour-Zionismus.

In den frühen Jahren des zionistischen Staates sank Herut in der Gunst der Wähler, und Begin musste die folgenden dreißig Jahre in der politischen Wildnis verbringen. Er verwandelte und erweiterte die Herut-Partei 1965 in die Gahal. Für kurze Zeit schloss er sich der Kriegskoalition an, die vor dem Krieg vom Juni 1967 gegen die Araber gebildet wurde und die Situation ausnutzte, die durch den zersetzenden Opportunismus des ägyptischen Führers Nasser entstanden war, um Israels Grenzen erheblich auszuweiten.

Die Eroberung der Westbank und des Gazastreifens hauchte den rechtsradikalen Kräften neues Leben ein und führte 1973 zur Gründung der Likud-Partei, die in den Wahlen von 1977 die meisten Sitze eroberte. So wurde die ultranationalistische, rechte politische Kraft, die immer am Rande gestanden hatte, zur anerkannten politischen Tendenz, die das alte politische Establishment ersetzte.

Währenddessen baute Lehi weiterhin die Moledet-Partei auf, ein noch nationalistischeres Gebilde als Likud, zu deren unheilvoller Politik ethnische Säuberungen gehörten: die Vertreibung der Palästinenser aus dem von Israel besetzten Territorium.

Schamir selbst zog sich in Vierziger Jahren aus der aktiven Politik zurück. Als Ben Gurion das Verbot aufhob, das Lehi-Mitgliedern untersagte, offizielle Ämter zu bekleiden, nahm Isser Harel, der Mossad-Chef, Schamir und andere sofort in den Geheimdienst auf. Es war Schamir, der die Briefbomben-Kampagne gegen deutsche Wissen- schaftler ausheckte, die in den sechziger Jahren für Nassers Ägypten arbeiteten, was ihn in Konflikt mit Shimon Peres brachte, der damals stellvertretender Verteidigungsminister war. Schamir trat der Herut- Partei bei, weil es die einzige Partei war, die die Vorstellung nicht aufgegeben hatte, Israel müsse "vom Nil bis zum Euphrat" reichen. Er pflegte die Beziehungen zu den antisozialistisch gesinnten russischen Juden, die versuchten, aus der Sowjetunion auszuwandern, und brachte sie in die Likud-Partei. Er wurde 1983 Premierminister, als Begin plötzlich zurücktrat, und leitete eine weitere Rechtswende in der israelischen Politik ein.

Die prominentesten Mitglieder des heutigen politischen Establishments in Israel und die wichtigsten Verbündeten der Bush-Regierung in der Region sind die politischen Erben von Terroristen wie Stern, Begin und Schamir. Sie sind jetzt in der Lage, eine Politik umzusetzen, von der ihre Vorfahren höchstens träumen konnten. Ihre Geschichte zeigt außerdem, warum israelische Politik immer so konfliktreich war. Der Bürgerkrieg, der immer kurz vor dem Ausbruch stand, hat eine weit zurückreichende Grundlage.

Der Staat Israel wurde einst freudig als neues und progressives Gebilde begrüßt, dessen Aufgabe es sein sollte, eine demokratische und egalitäre Gesellschaft für das am grausamsten unterdrückte Volk Europas zu schaffen. Doch die Geschichte der Entstehung und Entwicklung des zionistischen Staates zeigt klar, dass dies von Anfang an eine Schimäre war. Es ist unmöglich, eine sozial fortschrittliche Gesellschaft auf der Grundlage einer nationalistischen Perspektive aufzubauen. Die zionistische Perspektive, sei es die der Labour-Zionisten oder die ihrer ultra-reaktionären Alternative, hat eine verheerende Rolle gespielt, weil sie den Imperialismus und Chauvinismus begünstigten, um einerseits die Macht der nationalen Bourgeoisie zu stärken und andrerseits die Arbeiterklasse und armen Bauern zu spalten.

Es ist bemerkenswert, dass die Presse der Veröffentlichung der britischen Geheimdienstdokumente nur wenig Aufmerksamkeit schenkte. Außer einer kurzen Erwähnung ihres Inhalts, hat kein politischer Kommentator versucht, die Aufmerksamkeit auf die Methoden, die beim Aufbau des zionistischen Staats zur Anwendung kamen, oder auf die politischen Wurzeln der israelischen Regierung zu richten.

In Israel selbst brachte die liberale Zeitung Ha'aretz nur einen Reuters-Bericht unter der Überschrift: "Dokumente: Großbritannien fürchtete in der Nachkriegszeit den Einfluss zionistischer Terroristen", als ob der Terrorismus eine Art Abweichung vom Zionismus und nicht ein integraler Teil seiner Perspektive und seines Programms gewesen wäre. Der Artikel selbst konzentrierte sich auf die antijüdischen Maßnahmen, die durch die britischen Behörden ergriffen worden waren, um den zionistischen Terrorismus zu bekämpfen. Es wurde zwar erklärt, dass die Akten nach dem Bombenattentat auf das King-David-Hotel angelegt worden waren, doch enthielt der Artikel keinen Hinweis auf die Irgun und Menachem Begins Rolle bei diesem Attentat - obwohl sogar erwähnt wurde, dass Begin einen Friedensnobelpreis für sein Abkommen mit Ägypten erhalten hat. Auch die Pläne zur Ermordung des Außenministers und prominenter britischer Politiker wurden verschwiegen.

Wirkliche professionelle und politische Aufrichtigkeit hätte die terroristischen Ursprünge und die Rolle des zionistischen politischen Establishments gezeigt, auf das sich die politischen Gangster der Bush-Regierung stützen, und das sie sich als Statthalter hält, um im Nahen Osten zu teilen und zu herrschen.

Schluss
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28. Juni 2003 aus dem Englischen

 

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