Drucken


Das Undenkbare denken - oder: Wer wird unser nächster Dämon?

von Thomas H. Naylor*

 

Der Grad der Ausgeklügeltheit von Planung, Organisation, Training, Koordination, Disziplin und Kontrolle, der erforderlich war, um die zeitlich genau zusammenfallenden Angriffe der vier Flugzeuge am 11. September in New York und Washington auszuführen, ist fast nicht vorstellbar. Von Anfang an hat unsere Regierung versucht, uns zu überzeugen, dass das tragische Ereignis von einem charismatischen, unheilvoll blickenden Araber namens Usama bin Ladin von einer Höhle in den Bergen Afghanistans aus dirigiert wurde und dass es von einem Netzwerk von muslimischen Extremisten, bekannt als al-Kaida, ausgeführt wurde. Das haben sie ja wohl nicht ernst gemeint!

Die Supermacht USA entschied, es komme ihr nunmehr gelegen, den Irak zu erobern, wie Jugoslawien in Kantone zu zerlegen und wie Jugoslawien und Afghanistan der Herrschaft von Drogenbanden zu unterwerfen.

Ohne jeden Beweis dafür, ob überhaupt bin Ladin der Übeltäter war - oder ob er in Afghanistan lebte, fuhr unsere Regierung dann damit fort, das winzige, ausgelaugte und verarmte Land erbarmungslos zu bombardieren.

Nur wenige Amerikaner hatten jemals von bin Ladin gehört, bevor uns Präsident Bill Clinton mitten in der Monika-Lewinsky- Affäre im Jahr 1998 mit ihm bekanntmachte. Usama wurde als Schuldiger für die Bombardierung der amerikanischen Botschaften in Kenia und Tansania ausgemacht und lieferte damit die Rechtfertigung für Clintons Präventivschlag gegen angebliche Terroristenbasen in Afghanistan und gegen eine chemische Anlage im Sudan. Nachdem Saddam Hussein etwas von seinem dämonischen Glanz verloren hatte, verwandelte Clinton bald darauf bin Ladin in den "Globalen Feind Nummer eins".

Das Weisse Haus hat nie erklärt, wie ein reicher, saudischer CIA-trainierter muslimischer Fundamentalist, der in einer abgelegenen Höhle im Exil lebte, die technischen, intellektuellen und finanziellen Ressourcen aufbringen konnte, um etwas zu verüben, was viele als den grössten terroristischen Akt aller Zeiten betrachten. Aber wenn nicht bin Ladin, wer dann?

Mindestens fünf äusserst profilierte Gruppen besitzen die notwendigen Ressourcen und Anreize, um eine "Meisterleistung" wie die vom 11. September durchzuführen. Dazu gehören das Weisse Haus, das Pentagon, die CIA, die hohen Priester des Korporierten Amerika und der Mossad - das israelische Äquivalent der CIA.

Das Ziel der ersten vier Gruppen ist klar - absolute Vorherrschaft sowohl zu Hause als auch im Ausland. Ihre Strategie macht es nötig, den "Krieg gegen den Terrorismus" auszurufen, um jede Art politischer Abweichung auszumerzen und um eine Rechtfertigung für preemptive militärische Schläge und Angriffskriege gegen andere Länder, die sich nicht nach unsern Spielregeln richten, zu haben. Das Ziel der Israeli ist nichts Geringeres als die Dämonisierung der gesamten arabischen Welt.

Aber ist Usama bin Ladin eine reale Person oder nur eine Eigenkreation von Bill Clinton, die durch George W. Bush noch mehr zur Geltung gebracht wurde? Steht bin Ladin noch mit der CIA in Verbindung? Wenn das der Fall ist, worin besteht seine Rolle? Wer kontrolliert wirklich die al-Kaida? Mit welchem Ziel?

Die meisten der Video-Botschaften bin Ladins für die Vereinigten Staaten wurden über al-Jazzera übertragen, dem sogenannt unabhängigen arabischen Fernsehnetzwerk mit der Basis in Katar. Katar wird vom Weissen Haus als arabisches Modell-Land verkauft und hat die Kommandozentrale der Vereinigten Staaten für die "Operation Befreiung des Irak" zu Gast. Also wie unabhängig von der amerikanischen Regierung ist al-Jazeera?

Die Anthrax-Angst nährte in den USA den Glauben an Präsident Bushs Warnung, dass "Tausende von trainierten Killern sich verschworen haben, uns anzugreifen, und dieses schreckliche Wissen erfordert von uns, differenziert zu handeln". Viele der Anti-Terror-Gesetzesinitiativen von Justizminister John Ashcroft sehen denen, die in Polen während der 80er Jahre unter dem Kriegsrecht eingeführt wurden, sehr ähnlich, ebenso wie denen in der früheren Sowjetunion.

Nachdem der amerikanischen Öffentlichkeit monatelang eine nahezu wahnsinnige Angst vor Usama bin Ladin eingepeitscht wurde, ersetzte Bush ihn jäh durch Saddam Hussein. Innerhalb weniger Wochen hatte Saddam den Titel des "Öffentlichen Feindes Nummer eins" zurückerlangt. Al-Kaida, wurde gesagt, sei direkt verbunden mit dem irakischen Führer. Usama schien sich ins nichts aufzulösen, fast so, als habe er nie existiert. In der Zwischenzeit ist der Anthrax-Anschlag monatelang nicht einmal mehr erwähnt worden, und niemand ist im Zusammenhang mit seiner Verwendung als terroristische Waffe verhaftet worden.

Seit dem 11. September hat unsere Regierung uns mit einem Sperrfeuer von Informationen und Desinformationen über die Bedrohung des Terrorismus überzogen. Uns wurde wiederholt durch Präsident Bush versichert, dass der einzige Weg, um Amerikas Freiheit zu erhalten, der ist, Saddam Hussein loszuwerden.

Aber wenn Saddam weg ist, wer wird dann unser nächster Dämon? Unsere Wette ist, dass es der nordkoreanische Führer Kim Jong II sein wird. Und er ist nicht einmal ein Araber.

Hat Usama bin Ladin oder hat Saddam Hussein die Zwillingstürme zusammenbrechen lassen? Wetten Sie lieber Ihr Leben nicht darauf!

Artikel 9: Zeit-Fragen Nr. 15 vom 25. 4. 2003

*Professor Naylor ist Co-Autor von "The Chosen State: The Compelling Case for Vermont Independence", das bald von The Public Press publiziert wird.

 

Drucken