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Hintergrundinformation: "Nur die Macht ist das Recht"
Die Denkschule des "Leo Strauss"

von Elisabeth Hellenbroich
 
Untersucht man die Philosophie und das Denken, das die imperiale Doktrin der Regierung Bush prägt, so stößt man auf zwei wesentliche Richtungen:

Zum einem ist dies eine religiösfundamentalistische Denkhaltung, wie sie in den Reden von George W. Bush und seinem Justizminister John Ashcroft aufdringlich sichtbar wird. Diese Ideologie kommt aus dem rechten Spektrum der "Armageddon-Anhänger", die mit der rechten politischen Szene in Israel um Sharon und Netanyahu verbunden sind und den Irakkrieg als Teil eines weltweiten "Kreuzzugs des Guten gegen das Böse" sehen.

Zum anderen ist es eine weniger bekannter Gruppe, die sich im philosophischen Gewande "subtiler" gibt: die neokonservativ-imperiale Denkschule des Carl-Schmitt-Schülers und Politikwissenschaftlers Leo Strauss, der von 1953-73 Politische Philosophie an der Universität Chicago lehrte und mehrere Generationen einflußreicher Politiker und Ideologen hervorbrachte.

Zu diesem "Strauss-Kindergarten" gehören beispielsweise John Pedhoretz, Irving und William Kristol, Paul Wolfowitz (Schüler des Strauss-Schülers Albert Wohlstetter), der homosexuelle, an AIDS verstorbene Allan Bloom (Der Niedergang des amerikanischen Geistes), Francis Fukuyama, Samuel Huntington und Robert Kagan (Macht und Ohnmacht). Straussianer beherrschen konservative Denkfabriken wie American Enterprise Institute, Heritage Foundation und Olin Foundation (die Huntingtons Kampf der Kulturen herausgab).

Und die Straussianer sind in der Regierung Bush tonangebend. Ihr prominentester Vertreter ist Vize-Verteidigungsminister Paul Wolfowitz (genannt das "Superhirn"), ein fanatischer Befürworter der Präventivdoktrin und des Einsatzes nuklearer Waffen gegen "Schurkenstaaten". Dazu zählt auch der ehemalige CIA-Direktor James Woolsey, der Anfang April des Jahres in Los Angeles erklärte, der "Vierte Weltkrieg" habe begonnen - die USA seien "auf dem Vormarsch" im Nahen Osten, wo man sehr bald die tyrannischen Regimes Ägyptens, Syriens und des Irans durch "demokratische" Regierungen ersetzen werde.

Zur Biographie

Leo Strauss wurde 1899 als Sohn jüdischer Eltern in Kirchhain bei Marburg geboren. Er studierte in Marburg, Frankfurt und Berlin Philosophie, Mathematik und Naturwissenschaften. 1921 promovierte er in Hamburg bei Ernst Cassirer, dem führenden Kopf der neokantianischen Marburger Schule. Eine Zeitlang studierte er auch bei Martin Heidegger, dessen methodischer (höchst unverständlicher) Umgang bei der "Erfassung des Textes" ihn faszinierte, sowie Edmund Husserl. Er setzte sich in dieser frühen Phase vor allem mit der politischen Theologie Spinozas auseinander.

Anfang der 30er Jahre wurde Carl Schmitt (Nazi-Jurist; d. Red.) auf Strauss aufmerksam. Im Vorwort zu seinem Buch Der Leviathan in der Staatslehre des Thomas Hobbes (1938) schreibt Schmitt: "Ein junger jüdischer Gelehrter, Leo Strauss, hat in einem 1930 erschienen Buch den theologisch-politischen Traktat Spinozas untersucht und die weitgehende Abhängigkeit Spinozas von Hobbes festgestellt. Er bemerkt dabei, dass Hobbes die Juden als die eigentlichen Urheber der aufrührerischen, staatszerstörenden Unterscheidung von Religion und Politik ansieht."

Durch Schmitts Vermittlung erhielt Strauss ein Rockefeller-Stipendium, das ihm Studienaufenthalte in England und Frankreich ermöglichte. 1932/33 nahm er in Paris u.a. mit dem Exilrussen und Philosophen Alexandre Kojeve Verbindung auf.

1937 wurde Strauss Research Fellow am Fachbereich Geschichte der New Yorker Columbia-Universität. 1938-48 lehrte er auf Empfehlung Harold Laskis an der Graduate Faculty der New York School für Social Science. 1948 wurde er Professor für politische Wissenschaften an der Universität Chicago. Bis zu seinem Tode am 18. September 1973 blieb er Mitglied der Fakultät.

In dem 1998 erschienenen Buch Carl Schmitt, Leo Strauss und der Begriff des Politischen - Zu einem Dialog unter Anwesenden (von Heinrich Meier, Geschäftsführer der Ernst-von-Siemens-Stiftung, der Ende der 90er Jahre eine sechsbändige Strauss-Werkausgabe veröffentlichte) findet sich Strauss' Rezension von Carl Schmitts Der Begriff des Politischen aus dem Jahr 1932. Schmitt, ein enger Freund Ernst Jüngers, trat am 1. Mai 1933 zusammen mit seinem Freund Heidegger in die NSDAP ein. Er wurde Anfang Juli vom preußischen Staatsrat berufen und wirkte maßgeblich am berüchtigten Ermächtigungsgesetz von 1933 mit.

Strauss schreibt, Schmitt habe dem "System des Liberalismus" den Kampf angesagt, indem er ein politisches System fordere, welches das "Freund-Feind-Verhältnis" zur Grundlage des Staates mache. Politik definiert sich demnach als Trennung der Bürger und Völker in "Freunde" und "Feinde". Strauss schreibt dazu: "Zum Begriff des Feindes gehöre der ,Begriff des Kampfes', ,die Eventualität des Krieges', vom ,Ernstfall', von der ,extremsten Möglichkeit' her, gewinnt nach Schmitt das Leben der Menschen seine spezifische Spannung."

Der Krieg ist das "extremste politische Mittel" und der "Ernstfall für den Menschen schlechthin, weil er auf die reale Möglichkeit der physischen Tötung Bezug hat und behält." Schmitt sei wie Hobbes tief von der "Gefährlichkeit des Menschen" überzeugt, so Strauss. "Schmitt bringt den Hobbeschen Begriff des Naturzustandes wieder zu Ehren." Als Naturzustand sehe Schmitt allerdings nicht wie Hobbes den "Stand des Krieges von Individuen", sondern den "Stand des Krieges von Gruppen, insbesondere von Völkern". "Für Hobbes ist im Naturzustand jeder jedes anderen Feind - für Schmitt ist alles politische Verhalten ausgerichtet auf Freund und Feind" schreibt Strauss.

Schmitt sei im Politischen eher kalt serzierend und neutral bzw. indifferent, merkt Strauss an. "Das Politische kann gar nicht gewertet, an seinem Ideal gemessen werden; auf das Politische angewandt, sind alle Ideale nichts anderes als Abstraktionen, sind alle Normativitäten nichts anderes als ,Fiktionen'. Denn das Politische wird konstituiert durch den Bezug ,auf die reale Möglichkeit der physischen Tötung' von Menschen durch Menschen; "daher kann der Mensch der Politik, dem elementaren Überlebenskampf von Menschen und Völkern nicht entrinnen."

Was Schmitt damit meinte, zeigt sein Aufsatz aus dem Jahr 1942 Land und Meer - Eine Weltgeschichtliche Betrachtung. Der mörderische Zweite Weltkrieg tobte bereits seit drei Jahren in Europa. Schmitt schrieb mit Zuversicht, daß "der neue Nomos unseres Planeten unaufhaltsam und unwiderstehlich wachse. Nur im ,Kampf' kann er entstehen. Viele werden darin nur Tod und Zerstörung erblicken. Manche glauben das ende der Welt zu erblicken. In Wirklichkeit erleben wir nur das ende des bisherigen Verhältnisses von Land und Meer ... Auch in dem grausamen Krieg alter und neuer Kräfte entstehen gerechte Maße und bilden sich sinnvolle Proportionen."

Schon in Leviathan und die Staatslehre des Thomas Hobbes (1938) schrieb Schmitt über den sich im geschichtlichen "Raum" entladenden Kampf der Völker - bei Huntington heißt das später "Kampf der Kulturen" -: "Völker und Länder, die nicht imstande sind, die zu einem modernen Staate gehörende Organisation aufzubringen, sind ,unzivilisiert'; sie können sich... in den ganz harten Bedingungen der modernen Welt nicht selber lenken; sie werden zu Kolonien, Protektoraten oder sonstwie zu Objekten des Schutzes und Beherrschung durch solche Staaten, die dieser organisatorisch technischen Leistung fähig sind und daher die Qualität von ,Subjekten' dieses Völkerrechts haben."

Esoterischer Männerclub

Wie Carl Schmitt war auch Leo Strauss ein glühender Bewunderer von Hobbes, dem er ein ganzes Buch Die Philosophie des Thomas Hobbes widmete. Hobbes vertrat, so Strauss, ein materialistisch-determenistisch anmutendes Menschenbild und war grundsätzlich von der "Gefährlichkeit" des Menschen überzeugt. Hobbes leugne die "Natürlichkeit des Altruismus" und setzte dagegen die Thesen von der "Raubtier-Natur des Menschen, vom Krieg jedes gegen jeden als der natürlichen Lage des Menschengeschlechts, von der wesentlichen Ohnmacht der Vernunft".

Für Hobbes rührt das Naturrecht allein auf Gottes "Allmacht"; auf den Staat übertragen heißt das: auctoritas non veritas facit legem - Macht, nicht Wahrheit setzt Recht. Leibniz warf Hobbes vor, er bestreite die Idee eines Übergeordneten Naturrechts, eines Schöpfers der Liebe, Weisheit und Güte, welche erst die Grundlagen von Gerechtigkeit seien.

Wissen als Geheimwissen

Strauss und sein "Kindergarten" verstanden sich als "Eingeweihte", als einen esotorischen Kult und "Männerbund" von Philosophen. Die Moral der Straussianer ist, wie Strauss an unzähligen Stellen anmerkt, die Tugend des auch von Nietzsche so bewunderten "Gentleman" oder von Castigliones "Höfling", der an die "Ehre, Ruhm und Tapferkeit" und nicht an Platons Einheit des Guten, Schönen und Wahren glaubt.

Die Straussianer über "postmodernen" Kritik an der Moderne und erklären die antike Polis zu ihrem Ideal von Herrschaft. Sie geben vor, (besonders Strauss selbst und Allan Bloom), Platoniker zu sein. Aber was Strauss und sein Schüler Bloom über Platon sagen, hat mit Platon nichts zu tun. Es ist eine willkürliche, esoterische Interpretation für die wenigen Eingeweihten. Die Wahrheit soll nur wenigen bekannt sein. Sie schreiben nicht, um eine Idee auszudrücken, sondern um den Kern von Platons Aussagen sophistisch zu verdunkeln. "Die Lehre vom Prozeß und der Exekution des Sokrates ist, daß Sokrates als schuldig befunden wurde: Philosophie ist eine Bedrohung für die Gesellschaft. Aber die Götter in Frage stellen und das Ethos der Stadt, indem die Philosophie das tut, untergräbt sie die Basis des normalen sozialen Lebens", sagen die Straussianer in Anspielung auf den Prozeß gegen Sokrates.

Aber das eine sophistische Lüge. Wer mit der Apologie des Sokrates vertraut ist, kennt die Gründe für den Prozeß: Sokrates wurde von seinen politischen Feinden Anytos und Meletos angeklagt, weil er die sophistische Methode ihres Denkens entlarvte. Sokrates hat nicht gegen die Götter gesündigt, sondern er sagt vor dem Athener Gericht aus, daß er sich als " Instrument des Gottes" versteht, dessen Mission es sei, den Dingen auf den Grund zu gehen, keine "Meinungen" zu akzeptieren, sondern die Wahrheit aufzusuchen und sophistisches Denken zu entlarven.

Ein weiteres Beispiel sophistischer Verdunkelung ist Strauss' Übersetzung und Kommentar zu Xenophons Hieron Tyrannis und Weisheit mit dem Titel Hieron oder Über die Tyrannis (1948). Der Tyrann Hieron trifft den Privatmann und Dichter Simonides, der seine Stellung als Tyrann beneidet. Hieron entgegnet, eigentlich leide Tyrann unter den fürchterlichsten Qualen der Angst, da er nur mit Zwang, Unterdrückung, Raub, Gewalt etc. regiere und niemandem trauen könne. Er leide daher mehr als der Privatmann, der im übrigen seine sexuelle Lust viel besser ausleben könne als der Tyrann. Der weise Simonides will den will den Tyrann mit "Ironie" aufs Glatteis führen, kommentiert Strauss, damit dieser selbst die Nachteile der Tyrannei darstelle, um in einem zweiten Teil dann mit Hieron darüber zu diskutieren, wie man die Tyrannis "verbessern", die Macht des Tyrannen vernünftig handhaben könne. Strauss argumentiert im Kern hier, wie man ein "schlechte" Tyrannis in eine "gute" verwandeln könne, ohne die Prämissen der Tyrannis selbst in Frage zu stellen (wie z.B. Sokrates im Staat tat).

Der vom elitären Männerbund und dem Ideal der heidnischen Polis so begeisterte Strauss war Mentor mehrerer Generationen einflußreicher Politiker. In der gegenwärtigen amerikanischen Regierung prominente Strauss-Schüler sich derzeit fanatisch für eine imperiale Politik der USA ein und schrecken innenpolitisch nicht vor diktatorischen Maßnahmen zurück, wenn es um den Erhalt einer wirtschaftlich immer stärker angeschlagenen Macht geht. Strauss beeinflußte viele der Strategen in amerikanischen Denkfabriken, die erklären, die USA hätten als einzige Weltmacht aufgrund ihrer Macht das Recht, andere Nationen zu überfallen und präventiv imperiale Kriege zu führen.

Strauss und die Straussianer sind Epigonen und Sophisten, keine eigenständigen Denker. In der Nachfolge von Carl Schmitt und Thomas Hobbes verstehen sie sich als Elite von "Weisen", als "Eingeweihte" auf dem Olymp der Macht. In dieser Funktion haben sie bereits vor Jahren die neue amerikanische imperiale Doktrin entworfen. Sie sind es, die die "Machthaber" darin beraten, wie sie die auswüchse der Macht verschleiern und dem gewöhnlichen Volk den Einblick in die Strukturen der Macht verwehren können, und die durch entsprechende Sprachregelung weltweit dafür sorgen, dem "neuen Römischen Empire" die entsprechende geistige "Aura" zu verleihen. Dabei scheint ihnen offenbar zu entgehen, daß sich die "Götterdämmerung" für die Männer des Olymp bereits ankündigt.
 

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