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Kampf gegen die Transfer-Mauer
von Tanya Reinhart
 
(...)
An einem heißen Tag im Juni 2002 kamen israelische Bulldozer auf das Land von Salem, nördlich von Dschenin. Sie fingen an, die Bäume entwurzeln und das Land einzuebnen - in Vorbereitung einer 8 Meter hohen Betonmauer, die die seit 1967 besetzten palästinensischen Gebiete von Israel separieren soll. In Israel glaubt die Öffentlichkeit fälschlicherweise, diese Maßnahme sei einzig dazu gedacht, die Spannungen zu entschärfen bzw. den Terror zu verhindern und so dem israelischen Volk neue Sicherheit zu geben. Viele glauben zudem, die Mauer wurde auf der 'Grünen Linie' (Grenzlinie von 1967) errichtet und könne so zur Grundlage einer neuen Grenze mit den besetzten gebieten werden - wenn Israel sich denn aus den Gebieten zurückzieht. Nichts ist weiter von der Wahrheit entfernt als diese Annahme.

Anläßlich eines Treffens des (damaligen) israelischen Kabinetts am 23. Juni 2002 wurde der Zaunentwurf (Mauer) abgesegnet. Damals protestierte der ehemalige Außenminister Shimon Peres, "dieser Plan würde effektiv bedeuten, dass Israel etwa 22 Prozent der Westbank annektiert" (Ha'aretz, Gideon Alon, 24. Juni 2002). Sowohl auf westlicher Seite ("Saumlinie") des Zauns als auch auf östlicher (entlang des Jordan) würden einige palästinensische Gebiete durch den Zaun von der Westbank abgeschnitten. Auf westlicher Seite schneidet der Zaun tief in palästinensisches Gebiet ein. Zweck ist es, jüdische Siedlungen wie Alfei Menashe, Elkana und Ariel auf israelische Seite des Zauns zu ziehen. Nur in wenigen Sektionen stimmt der Zaunverlauf mit der 'Grünen Linie' überein. Aber selbst in diesen Fällen hat man noch beschlossen, eine zweite Barriere, die ein paar Kilometer nach Osten eingerückt, zu installieren. Der sich wendende Verlauf des Zauns führt mancherort zu einer Art Schlinge, die palästinensische Städte und Dörfer einschließt und ihnen nur einen einzigen Ausgang gewährt. Auf diese Weise würden durch die neue Mauer Städte und Dörfer voneinander abgetrennt - und zwar permanent. Diese Ortschaften würden zu isolierten Enklaven mutieren. Noch etwas kommt hinzu: In den meisten Gebieten in Zaunnähe würden die Dörfer von ihren Ackerflächen abgeschnitten - von der landwirtschaftlich genutzten Fläche, von der diese Dörfer ja leben. Laut Schätzungen von B'tselem würde die Mauer mindestens 210 000 Palästinenser in 67 Dörfern und Städten unmittelbar in ihrer Existenz bedrohen.
(http://www.btselem.org/Download/2003_Behind_The_Heb.doc)

Insgesamt 5 Enklaven mit palästinensischen Dörfern wären zwischen Zaun und 'Grüner Linie' eingekesselt. Diese Enklaven wären sowohl voneinander als auch vom Rest der Westbank abgeschnitten - wahre Gefängnisse also. In diese Kategorie fallen insgesamt 13 Dörfer mit 11 700 Bewohnern (und ich spreche hier von Zaunsegmenten, wie sie vorgesehen waren, noch ehe der Zaun auf Druck der (jüdischen) Siedler auch Ariel Immanuel und Kdumim einschließen sollte). Den Palästinensern wird versprochen, man werde Tore und Checkpoints einrichten, sodass Bewohner, die von ihren Ländereien abgeschnitten sind, diese trotzdem weiter erreichen könnten. Aber aus alter wie neuer Erfahrung wissen wir, dass das Passieren eines Checkpoints nicht zuletzt von der Willkür der dortigen Soldaten abhängt. Die Soldaten halten sich nicht an feste Regeln - jedenfalls an keine, die den Palästinensern geläufig sind. Oft werden Palästinenser, die an einer Straßensperre vorbei wollen, stundenlang festgehalten. Die Soldaten konfiszieren ihnen die Ausweise, die Autoschlüssel, ja selbst die Autos. Zudem ist anzunehmen, dass es für das Passieren der (angeblichen) Zauntore einer speziellen Genehmigung der israelischen Behörden bedürfen wird.

Die Ländereien von Mas'ha

Am 23. April 2003 kamen die Bulldozer im Dorf Mas'ha an. Das Dorf liegt nahe der israelischen Siedlung Elkana. Eigentlich läge diese Siedlung etwa 7 km von der 'Grünen Linie' entfernt. Aber mittlerweile wurde die Zaunroute, auf die man sich beim Kabinettstreffen am 24. Juni 2002 geeinigt hatte, ja verändert, sodass nun auch Elkana auf israelischer Seite liegen soll. Und jetzt sind die Bulldozer also dabei, das Dorf Mas'ha von dessen einzig verbliebener Erwerbsquelle (nach zweieinhalb Jahren Abriegelung) abzutrennen: 98 Prozent des Landes, das zu Mas'ha gehört, soll der israelischen Zaunseite zugeschlagen werden - besser gesagt, soll es zwischen Zaun und 'Grüner Linie' verschwinden. Auch vom Dorf Bidia Sanniriya und weiteren Dörfern der Region sollen hunderttausende Dunams Land verloren gehen. Abgesehen von dem Land das den Dörfern entzogen werden soll, wird der Zaun auch noch die Straße zwischen Dschenin und Ramallah unterbrochen. Ein Segment der Straße soll auf israelischer Zaunseite liegen. Auf die Art kann man palästinensischen Enklaven noch effizienter voneinander isolieren.

Aber Gier nach Land ist nicht der einzige Grund, weshalb die Bulldozer nach Bidia und Mas'ha kamen. Die Ländereien dieser Dörfer liegen ausgerechnet über dem westlichen Bereich des Gebirgs-Grundwasserbassins (ein riesiges Wasserresevoir, das in der Westbank entspringt;dessen Wasser fließen aber auch unterirdisch bis nach Zentral-Israel hinein). Von jenen 600 Millionen Kubikmetern Wasser, die jährlich aus dem Gebirgsresevoir entnommen werden können, nimmt Israel in seinen verschiedenen Gebietenetwa 500 Millionen für sich in Anspruch. Die Kontrolle über diese Wasserressourcen zu behalten, war immer eines der Hauptmotive für die Aufrechterhaltung der israelischen Besatzung. So wurden in den Siebzigern die ersten (jüdischen) Siedlungen durch die damaligen israelischen Arbeitspartei-Regierungen ausgerechnet in gebieten genehmigt, die als "kritisch" in Bezug auf Bedrohungen eingestuft wurden. Eine dieser Siedlungen war Elkana. Zu ihrer Errichtung trug ein Plan bei, der irreführend Plan zum 'Schutze der Ressourcen des Yarkon' hieß. Seit der Okkupation im Jahr 1967 hat Israel den Palästinensern verboten, neue Brunnen zu graben. Im Gebiet um Mas'ha und Bidia sowie in jenen Ländereien, die man inzwischen von Kalkilia und Tulkarem abgetrennt hat, gibt es jedoch noch viele Brunnen, die bereits vor 1967 in Betrieb waren. Ihre Nutzung reduziert die Wassermenge, die Israel für sich entziehen kann, vielleicht um eine kleine Menge. Aus der Abtrennung dieser Dörfer von ihren Brunnen verspricht sich Israel daher einen doppelten Vorteil: Zum einen Kontrolle über die Wasserreserven, zum anderen können die Dörfer so ihrer Existenzgrundlage beraubt werden. Dadurch werden die Dorfbewohner zum Exodus gezwungen. Seit Juni 2002 sind bereits 4 000 Bewohner aus der Gegend von Kalkilia abgewandert. Auf die Art bedeutet der Zaun 'stiller Transfer'. Machen wir uns klar - dieser Zaun hat nichts mit Frieden oder Sicherheit zu tun. Transfer, Gier nach Land und Kontrolle über die Wasserressourcen - das ist der wahre Treibstoff für die Bulldozer der Israelis. (Hervorhebung der Red.)

 


Zur israelischen Apartheidsmauer
Schweigen hat schwerwiegende Folgen
von Jocelyne Blanc
 
Wie lange noch werden wir schweigen?
Tag um Tag verschlimmert sich die Situation der Palästinenser.
Immer mehr Palästinenser werden massakriert.
Die internationalen Aktivisten werden verjagt -
Man verbietet ihnen den Boden Israels
Bald werden die israelischen Friedensaktivisten verfolgt werden,

Und der Staat Israel, der von sich behauptet, die einzige Demokratie
Des Nahen Ostens zu sein, kann fortfahren
Seine sehr besondere "Demokratie" anzuwenden.
Warum sich genieren, da die internationale Gemeinschaft NICHTS sagt?

Was wird den Palästinensern bleiben?
Als ich das letzte Mal in Palästina war, sagten sie mir:
"Unsere einzige Hoffnung sind die Internationalen und die Leute,
die in Europa und anderswo für uns kämpfen.
Wir haben nur noch diese Hoffnung."
Sogar diese Hoffnung wird unterdrückt.

Wie können unsere Regierungen stumm bleiben vor solchen Verbrechen?
Unser Schweigen begünstigt diesen Genozid.
Wir sind ALLE verantwortlich für diese Akte der Barbarei.

Es ist unsere Pflicht als Bürger, das Schweigen zu brechen.
Und wenn der Begriff "Bürgerpflicht" keine Bedeutung mehr hat,
dann müssen wir an das Gewissen appellieren,
an das Gewissen der Menschheit.
Können wir als menschliche Wesen tolerieren,
dass eine Armee ungestraft unsere palästinensischen Brüder und Schwestern
demütigt, misshandelt, massakriert?
Können wir es akzeptieren, dass ein Staat
In verachtenswerter Weise die Menschenrechte verunglimpft?
Können wir akzeptieren,
dass ein Staat sich über alle Gesetze hinwegsetzt?

Werden wir noch lange stumm bleiben?
Worauf warten wir eigentlich?
Auf die totale Auslöschung dieses Volkes?

Nein!
Ich will noch heute glauben, dass das internationale Gewissen aufwacht.
Ich will glauben, dass wir aus dem Schweigen heraustreten, bevor es zu spät ist.
Ich will noch an den Menschen glauben, wie das palästinensische Volk an uns glaubt.
Ich will noch glauben, dass das Wort Solidarität einen Sinn hat.
Ich will noch glauben, dass wir menschliche Wesen sind mit einem Herzen und mit einem Gewissen.

Also, lasst uns handeln mit allen uns möglichen Mitteln!
Aber vor allem lasst uns das Schweigen brechen!
Reden wir!

03.05.2003
Quelle: www.solidarite-palestine.org
(Aus dem Französischen: Ellen Rohlfs)

 


Die Apartheids-Mauer
von Gideon Levy
 
Für die Israelis ist es ein "Trennzaun", für die Palästinenser eine "Apartheids-Mauer". Für die Israelis scheint es ideal, für die Palästinenser eine existenzielle Bedrohung. Für die meisten Israelis ist es die Zauberlösung für das Übel des Terrorismus. Die Palästinenser fürchten sie zutiefst. Hier zeigt sich wiedermal, man versteht sich nicht. Hier sind zwei Nationen, von denen keine die Ängste der anderen begreift. Trennzaun, Schutzwall, Sicherheit, Krieg gegen den Terror - die Israelis wissen nicht, welchen Preis die Palästinenser dafür zahlen. Nach den (jüdischen) Siedlungen, den Außenposten, den Umgehungsstraßen, den Konfiszierungen, der Abriegelung, der Umzingelung, nach Arbeitslosigkeit und Ausgangssperre nun also auch noch dieses neue Problem für tausende im Zaungebiet lebende Menschen. Erneut wurden sie zu unschuldigen Opfern. Den Bauern hat man ihre Felder enteignet, den Winzern ihre Weinberge zertrampelt, den Schäfern hat man die Weiden genommen, die Grundstücke und Brunnen von Bauern liegen nun auf der jenseitigen Seite - der jenseitigen Seite des Zauns. Es sind arbeitslose Männer, denen man nun auch noch die letzte Erwerbsquelle vernichtet, ganze Dörfer sind von ihrem Lebensquell abgeschnitten. Ein Zaun - der israelisches Leben schützen soll -, wird willkürlich auf dem ohnehin geschrumpften Land dieser Leute errichtet, nicht etwa auf israelischem Land - Gott bewahre! Aber warum? Weshalb nicht auf israelischem Land? Diese Leute hat niemand gefragt, niemand hat mit ihnen verhandelt, koordiniert. Undenkbar, die bloße Vorstellung, sie um Erlaubnis zu fragen! Wer sind diese Leute schon?

Der Klang der Hämmer trägt weit. Überall in der nördlichen Westbank ist das Geräusch zu hören: Eisen auf Fels. Ein schreckliches Hämmern echot aus den Tälern und von den Hügeln herab. Eine Armada aus Lastwagen und Bulldozern fährt hin und her - zerstört die Berge. Was für ein Anblick: zwischen Tulkarem, Dschenin u. Qalquilya ist die Erde aufgebrochen und vernarbt; wie eine große Wunde zieht es sich hin, längs der gesamten nördlichen Westbank. Was für ein massiver operativer Eingriff: ein Sicherheitspfad, eine Straße für die Patrouillen, eine Beton-Infrastruktur - das alles eine gigantische Narbe. Eine hellgrüne Broschüre ('The Apartheid Wall Campaign'), herausgegeben von den palästinensischen Umweltorganisationen, informiert über die Statistik. Danach werden während der ersten Bauphase 22 Prozent des Westbank-Landes enteignet. Mindestens 30 Dörfer werden einen Teil ihrer Ländereien verlieren, 15 Dörfer zwischen Zaun und 'Grüner Linie' eingeklemmt, 160 000 - 180 000 Dunams (entspricht etwa 16 000 - 18 000 Hektar) enteignet, 30 Brunnen für ihre Besitzer unerreichbar. Und diese Zahlen beziehen sich ausschließlich auf die erste Bauphase bzw. nur auf die nördliche Westbank.

Die bevorstehende Katastrophe

An der Zufahrtsstraße zum kleinen Dörfchen Izbet Tabib (es liegt neben der Hauptschnellstraße von Qalqilya nach Nablus) erhob sich diese Woche wieder eine Straßenblockade aus Abfall und Dreck. Da die Schnellstraße nur von Juden benutzt werden darf, wird dadurch die Abriegelung des kleinen Dörfchens noch perfekter. Nur einem Besatzungsapparat kann so etwas Widerwärtiges in den Sinn kommen: eine Blockade aus Abfall und Müll. Das alles wird einfach zu einer riesigen, häßlichen und grausamen Straßenbarriere zusammenrecycelt. Auf dem schmutzigen Pfad, der um die Straßenblockade führt, sitzt in seinem Auto der Gemeinderatsvorsitzende von Izbet Tabib und winkt uns zu. Die Armee war gestern gekommen, hatte gegraben und Erde für die Straßenblockaden ausgehoben. Dabei hat man das Wasserleitungssystem des Dorfes beschädigt. Die Bewohner haben nun kein Wasser mehr. Unsere Autofahrt geht durch einen Pinienwald. Wir werden hin- und hergerüttelt, über Steinbrocken hinweg. Unser Ziel ist das nächste Dorf. In den Außenbezirken von Isla sind rechts neben der Straße bereits die Grabungen für den Zaun sichtbar. In Azun werden große Lastwagen aus Genf entladen. Sie bringen Mehl in weißen Säcken - ein Geschenk des Internationalen Roten Kreuzes. Gleichgültig sehen die arbeitslosen Männer des Dorfes der Entladungsaktion zu. Das hier ist nicht Bagdad oder Kabul. Am Stadtrand stehen die gelben Taxis versammelt. Sie kennen nur eine Route, und die ist kurz: bis zur nächsten Straßenblockade. Auch die Taxifahrer sind arbeitslos.

Im Dorf Jiyus hängt in einem Zimmer des frischrenovierten Rathauses eine Karte mit dem Verlauf der "Apartheids-Mauer". Sie hängt an der Wand im Büro von Abdel Ataf Khaled von der 'Palästinensischen Hydrologischen Gesellschaft' (Palestinian Hydrological Group'). Auf der Karte sind große, breite Purpur- Flecken östlich der 'Grünen Linie' eingezeichnet. "Wir stehen vor einer Katastrophe", sagt Khaled, der Hydrologe. Als Aktivist vor Ort kämpft er gegen die Mauer. Im letzten Juli hätte man über das Dorf eine eintägige Ausgangssperre verhängt. An dem Tag sei die Israelische Armee mit Bulldozern angerückt und habe Marker in die Dorfgrundstücke gepflanzt. Die Bewohner hätten nicht verstanden, was vor sich ging, hätten nichts begriffen. "Heute wissen wir, das war die Planungs-Phase", so Khaled. Dann ging die Sache weiter. In der ersten Septemberwoche des letzten Jahres fanden Bauern Zettel - überall in ihren Feldern verstreut. Es waren Enteignungsverfügungen, plus Karte. Geht es nach diesen Verfügungen bzw. nach der eingelegten Karte, so Khaled, würde der Zaun 55 - 58 Meter breit. 292 Dunams (etwa 30 Hektar) Land, auf einer Länge von 4 100 Metern, würden dem Dorf enteignet. "Später fanden wir aber heraus, dass es 600 Dunams (etwa 60 Hektar) sein werden - auf 6 000 Metern", so Khaled. Eine Woche später wurde Khaled und andern Dorfbewohnern von der Israelischen Armee ein Treffen mit Rami von der (israelischen) 'Zivilen Administration' anvisiert. Man werde eine Tour durch das betroffene Gebiet arrangieren. "Die Tour hat die Dorfbewohner geschockt", sagt ihr Vertreter Khaled. "Wir sind doch Bauern, sagten sie. Sie fragten, wird man uns auch weiter erlauben, unsere Grundstücke zu bewirtschaften, die auf der andern Seite der Mauer liegen? Rami sagte 'ja'. Ohne Schwierigkeiten? Ohne Schwierigkeiten, versprach Rami. Sie haben ihm aber nicht geglaubt".

Letzte Chance

Jiyus hat 3 200 Einwohner, 550 Familien. Etwa 300 dieser Familien, so erklärt uns Khaled, leben ausschließlich von ihrer Subsistenzlandwirtschaft, von der Bebauung ihres Landes. Die rund 200 andern Familien hätten von Jobs in Israel gelebt, die nun aber nicht mehr existieren. Auch diese Familien versuchten nun, Bauern zu werden - ihre letzte Chance. Von den insgesamt zur Gemeinde zählenden 12 500 Dunams Land (etwa 1 250 Hektar), Häuser eingeschlossen, lägen jetzt 8 600 Dunams (etwa 860 Hektar) jenseits der Mauer. "Und wir sprechen hier nicht von unfruchtbarem Land", betont Khaled, "das ist kultivierte Fläche. Hier gibt es 120 Treibhäuser. Jedes davon produziert 35 Tonnen Tomaten (oder Gurken) pro Jahr. Und 7 Brunnen, die sich die Dorfbewohner teilen, liegen jetzt auch jenseits der Mauer. 700 Dunams (etwa 70 Hektar) sind Obstgartenfläche, 500 Dunams (etwa 50 Hektar) Früchte- und Gemüsefläche, dazu 3 000 Dunams (300 Hektar) Oliven, der Rest ist Weide". Der Hydrologe erklärt: "65 000 Arbeitstage dieser Gemeinde (Jiyus) liegen jetzt jenseits der Mauer". Und was wird wohl im Sommer aus denjenigen, deren Brunnenwasser auf der anderen Mauerseite liegt?

"Wenn die Felder nicht bewässert werden können, droht eine Umweltkatastrophe", so Khaled. "Davon abgesehen hat die Israelische Armee schon jetzt 6 der 7 Wege zu den Dorffeldern abgeriegelt - noch ehe der Zaun steht. Schon jetzt braucht man zwei Stunden, bis man die Felder erreicht - egal, in welche Richtung. Der ganze Tag geht drauf für den Weg auf die Felder und retour. Die Felderbewirtschaftung ist hier Familiensache. Was geschieht, wenn sie uns eine Gebühr für die Passage auferlegen? Muss ein Bauern dann jedesmal 50 NIS (Schekel) zahlen, damit er mit seiner Familie auf sein Feld kann? Meine Nachbarin hat drei Jahre gearbeitet, bis sie ein bisschen Geld für ein Stück Land beisammen hatte", fährt Khaled fort. "Sie hat sich 8 Olivenbäume gekauft - einen Baum für jedes Familienmitglied. Sie hatte nicht geglaubt, dass die Mauer ausgerechnet bis zu ihren 8 Bäumen hochkommt - dann entdeckte sie rote Zeichen an ihren Olivenbäumen. Sie war geschockt, denn das bedeutet, genau hier wird die Mauer entlang laufen. Die Bäume haben sie schon alle abgeholzt. Für sie (die Frau) waren die 8 Bäume ihre ganze Existenz. Der Mann, der die 8 Bäume abgeholzt hat, weiß sicher nicht, was für eine Geschichte dahintersteckt. Hier gibt es Menschen, für die die Bäume wie ihre Kinder sind." Und Khaled weiter: "Die Leute hier sagen, wir werden zu Flüchtlingen. Was dann, wenn die Mauer steht, und das Tor bleibt geschlossen? Schon jetzt ist die Situation im Dorf sehr schwierig. Dieses Jahr mussten 45 Kinder aus dem Kindergarten genommen werden, weil ihre Eltern die 35 NIS monatliche Gebühr nicht aufbringen konnten. 60 Familien wurde der Stromanschluss gekappt, weil sie ihre Schulden an die Regionalverwaltung nicht bezahlen konnten. Was wird da erst, wenn die Mauer steht?" ...

... In der unabhängigen palästinensischen 'Al-Quds'-Zeitung ist nachzulesen, es sei geplant, den Bauern, deren Land auf der andern Zaunseite liegt, jedesmal eine Durchgangsgebühr von 10 NIS pro Person abzuverlangen. Die 'Zivile Administration' bestreitet dies allerdings. Die Bauern, die wir diese Woche getroffen haben, wären noch froh über eine solche Gebühr: Schon jetzt läßt man sie nicht mehr auf ihre Felder - dabei ist der Zaun noch nicht fertiggestellt. Da ist zum Beispiel Bauer Abed Khaled aus Jiyus. Er hat 8 Kinder und 15 Jahre lang in Israel gearbeitet. Jetzt ist er wie alle anderen arbeitslos. Er ist überzeugt, sein Land ist ihm verloren, er sei nun auch noch seiner letzten Existenzquelle beraubt: "Keine Arbeit, kein Land", erklärt er uns diese Woche. "Das Leben ist vorbei".

Ha'aretz / ZNet 03.05.2003
(leicht gekürzt v. d. Red.)

Übersetzt von: Andrea Noll
Orginalartikel: "Apartheid Wall" http://zmag.de/article/article.php?id=623

 


Apartheidsmauer statt Sicherheitszaun in der Westbank
von IWPS
  Sehr geehrte Damen und Herren

Ich bin Österreicherin, 26, Friedensaktivistin in der Westbank für IWPS - Internationaler Frauen Friedensdienst.
Hier ist mein dringendes Anliegen. Sie können gerne jederzeit schriftlich oder telefonisch Kontakt mit mir aufnehmen. Kontaktdetails und Hinweis auf Publikationen siehe unten.
Es geht um die Mauer, die von der einen Seite auf dem Land der anderen Seite gebaut wird.
Die Mauer, die fruchtbarstes Land, schönste Natur und die oft einzige Einkommensquelle der palästinensischen Bauern ist.
Die Mauer, die laut Sharon Sicherheit für die eine Seite bringen soll, indem sie die andere Seite entmündigt und jeglicher Freiheiten und Rechte beraubt.

Die Mauer, die laut Sharon Sicherheit für die eine Seite bringen soll, indem sie Land der anderen Seite raubt, zerstört und große Teile für sich in Anspruch nimmt. Die Mauer, die über 14.000 Menschen im Niemandsland der "Sicherheitszone" zwischen Mauer und Grüner Linie lassen läßt.

Die Mauer, die über 31 Grundwasserquellen der Palästinenser auf die israelische Seite bringen wird und manche Dörfer ihre einzige Quelle verlieren.

Die Mauer, die palästinensische Dörfer von der Westbank abschneiden wird, und Zugang zu Bildung, Arbeit und Gesundheitssystem unmöglich macht.

Die Mauer, die 2200 Tonnen Olivenöl pro Saison zerstören wird, genauso wie die Produktion von 50 Tonnen Früchte und 100000 Tonnen Gemüse.

Die Mauer, für deren Bau über 100 Gebäude und Wohnhäuser bereits zerstört wurden und noch andere zerstört werden sollen.

Die Mauer, die in den meisten Medien verschwiegen wird. Es geht um die Mauer, die nun nach zweitem Plan erweitert werden soll, um Siedlungen im Zentrum der Westbank einzuschließen. Somit wird ein ganzer Bezirk durchtrennt und der dritte Bauplan zeigt, dass auch das Jordantal zu Israel annektiert werden soll und somit die Westbank in zwei Teile teilt, und jeder Teil wiederum in kleine Bantutans zerfällt. Gerade der dritte Plan sollte nun doch wirklich die letzten Leute wachrütteln, um zu sehen, dass die ganze Mauer kaum etwas mit Sicherheit zu tun hat. Übrigens sind die weiteren Pläne erst verlautbart worden, als der Irakkrieg begonnen hat und die Welt den Bau des "Sicherheitszauns" im Schatten des großen Krieges nicht mehr für bekämpfenswert, ja nicht einmal erwähnenswert findet.

Es geht um die Mauer, die vor über 13 Jahren in Berlin gefallen ist, und nun in doppelter Höhe und über dreifacher Länge hier neu gebaut wird - made in Israel. Zitat von Björn, einem gebürtigen Berliner, der einige Tage im Peacecamp verbrachte:
"Man gewöhnt sich schnell an eine Mauer. Schon nach ein paar Jahren sieht man sie nicht mehr. Und man weiss nicht mehr was auf der anderen Seite ist, dass überhaupt etwas da ist.

Eine Mauer. Perfekt um Menschen voneinander zu trennen, perfekt um Vorurteile und Gegensätze aufzubauen. Lügen über "die da drüben" werden schnell zur Wahrheit.

Und trotzdem, die Berliner Mauer war ein Kinderspiel gegen die Apartheidwall die hier gebaut wird. Westberlin war kein Gefängnis, wir konnten raus. Wir wurden nicht bestohlen, erniedrigt, ermordet. Wir waren nicht besetzt, wir konnten unser Leben selbst bestimmen. Innerhalb unserer kleinen Insel waren wir wenigstens frei."

Es geht um die Mauer, die Apartheid schafft, welche vor über neun Jahren in Südafrika beendet wurde und jetzt in neu aufgebaut wird - made in Israel. Zitat von meiner IWPS-Kollegin Anna aus Südafrika, die das Peacecamp mitorganisiert:
"Anstatt eine Zukunft mit friedlichem Zusammenleben vorzuschlagen, plant Israel ein Bantustan, einen "Staat" mit abhängiger Wirtschaft, ohne aneinandergrenzende Gebiete, ohne festen Einfluß, indem Palästinenser ausgebeutet werden können, kontrolliert, eingeschränkt und in Reservate eingesperrt werden. Ein abhängiger Bantustan entlang eines Apartheidstaates ist ein Hohn - einst in Apartheid-Südafrika, jetzt in Apartheid-Israel. In Israel, nicht weniger als in Südafrika, kann dieser Apartheidstaat mittels Gerechtigkeit niedergerissen werden, an dessen Stelle ein demokratischer säkularer Staat treten kann, in dem Israelis und Palästinenser, Juden, Christen und Muslime mit gleichen Rechte und Möglichkeiten zusammenleben."

In der Westbank wird auf der letzten Existenzgrundlage der Bauern die Apartheidsmauer gebaut. Kaum jemand hat je ein Bild von dieser Mauer gesehen, was den Eindruck eines "Sicherheitszauns" schnell durch die Realität ablöst: der Apartheidsmauer!

Den Bauern wird die letzte Einkommensquelle genommen. Das palästinensische Dorf Mas´ha verliert 97% seines Landes. Einige Bauern können ihre Familie nicht mehr ernähren. Die Mauer verläuft nicht auf der "Grünen Linie" von 1967. Die Mauer wird mitten in die Westbank gebaut.

Vor einem Monat wurde auf dem letzten Hügel, unter den letzten Olivenbäumen von Mash´ha, das Friedenscamp errichtet. Dieser Hügel wird in Zukunft ausserhalb der Mauer liegen und somit unzugänglich für die Bauern sein. Dort wird nun seit einem Monat, 24h lang, gewaltfreier Widerstand geleistet. Palästinenser, Israelis und Internationale aus allen Ländern sind permanent anwesend, um diesen Hügel zu verteidigen. Rund um den Hügel wüten Bulldozer, Bagger, Bohrer und Dynamit, um das Land für diese Mauer zu zerstören.

Schon oft wurde dem Camp mit Vertreibung gedroht, aber die Friedensaktivisten aller Seiten brechen alle inneren Mauern, um nun zusammenzuhalten. Jeden Tag kommen mehr Israelis. Manche von ihnen sehen zum ersten Mal, was unter ihrer Regierung passiert und sind schockiert. Israelis sitzen schließlich zusammen mit den Palästinensern unter einem Baum und überlegen, was gegen diese Apartheidsmauer unternommen werden kann. Mehr darüber im Bericht: "Ein Monat lang 24h Widerstand gegen die Apartheidsmauer". Herzliche Einladung nach Mas´ha, um selbst zu sehen!

Denn diese Mauer ist illegal gemäßt Genfer Konvention: Artikel 2, Artikel 47 und Artikel 147.
UNO Resolution 242
Hague Regulations: Artikel 52

Sowie gegen jegliche Menschenrechte: Recht auf Bewegungsfreiheit; Recht auf Arbeit; Recht auf Bildung; Recht auf Meinungsäußerung und Informationsfreiheit; Staatsangehörigkeitsrecht
... um nur einige zu nennen.
Letztes Wochenende kamen 300 Menschen zu einer Demonstration auf den Hügel. Darunter über 200 Israelis. Auch Uri Avnery (Gründer von Gush-Shalom), Tanya Reinhart, Amos Gvirtz, und andere waren dabei. Palästinensiche und Israelische Vertreter sprachen.

Ein kleiner Junge hielt ein Transparten auf dem in allen drei Sprachen stand: "Hinter Mauern kann kein Friede wachsen"

Fotos sind in jeglicher Auflösung erhältlich - genauso Informationen über die betroffenen Dörfer, Landkarten, rechtliche Information. Telefoninterviews jederzeit möglich!

Mit freundlichen Grüßen,
Karin Tiefenthaler
IWPS

Um Berichte zu erhalten senden Sie bitte ein e-mail an iwps-berichte-subscribe@lists.riseup.net
Deutsche Berichte von IWPS siehe www.womenspeacepalestine.org/Germanreports.htm
Interview mit Gunnar Bach, veröffentlich in "diestandard" siehe diestandard.at/?id=1144533
Berichte in den Vorarlberger Nachrichten: 12. März; 19. März; 30. März; 8. Mai 2003
Radiointerview auf Ö1, 01. März 2003, 19.00 Uhr
IWPS
e-mail: iwpseurope@gmx.net
Tel: +972 (0)9 2516644 oder (Mobil - Karin) +972 (0)67 514 783
www.womenspeacepalestine.org


 

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